Mein Problem ist und war schon immer mein soziales Umfeld. Es gibt kaum eine Gesellschaft, in der ich mich normal fühle, in der ich mich so gebe, wie ich bin.
Im beruflichen Umfeld geht so etwas gar nicht. Das hat nichts mit mir als Person zu tun. Es liegt an meinen Mitmenschen, dass sie die verschiedenen Facetten, die mich ausmachen, nicht unter einen Hut bekommen. Es sind zu viele und vor allen Dingen scheinbar zu gegensätzliche. Für mich sind sie mitnichten gegensätzlich. Auf andere, insbesondere gleichaltrige Frauen, wirken sie oft verstörend.
In meiner Arbeit bin ich eher konservativ. Im Umgang mit den Kindern sind mir Strukturen extrem wichtig. Alle konservativen Werte wie Achtung, Respekt, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit, Vertrauen, Verlässlichkeit, Ehrlichkeit sind essentiell für mich. Oberste Maxime der moralischen Erziehung ist die größtmögliche Hebung der moralischen Urteilsfähigkeit beim Individuum. Damit kann man meiner Meinung nach nicht früh genug beginnen. Wichtig ist dabei das Vorbild von Erwachsenen.
Lernen mich Menschen so kennen, können sie sich kaum vorstellen, welche Dinge und Themen mich sonst beschäftigen. Erfahren sie das, zerstört das das Bild, welches sie von mir haben, anstatt es reichhaltiger zu machen.
Oftmals muss ich Gespräche führen, die ich gar nicht führen möchte. Smalltalk verabscheue ich manchmal. Es gibt so wenig gemeinsame Berührungspunkte, insbesondere wenn ich mich mit gleichaltrigen Frauen unterhalte. Wir reden ein bisschen über die Arbeit und dann fragt mich mein Gegenüber: „Und was machst du sonst so?“ Das ist die schlimmste aller Fragen. Erstens ist diese Frage eine Floskel, in Wirklichkeit interessiert es meine Gegenüber nicht, „was ich sonst so mache“. Zweitens weiß ich gar nicht, was ich darauf antworten könnte. Spätestens jetzt ist die Luft raus aus dem Gespräch. Das Gespräch ist tot, man sollte es beerdigen.
Das geht aber nicht, mein Gegenüber bleibt und schaut mich erwartungsvoll an. Ich murmle dann etwas von malen oder lesen. Ich hoffe, dass keine Nachfragen kommen. Bei Frauen kommen die dann aber oft. „Oh, malen, ich male auch, Window-Color, was malst du denn?“ Jetzt wird es demütigend. Was soll ich nur sagen? Ich male keine Aquarell-Blümchen, nichts kuschelig Schönes, keine Sonnenuntergänge, keine Blumenwiesen, keine herzigen Babies. Ich male oft böse Dinge, Verstörendes, Sachen, die mich interessieren. Blümchen sind langweilig. Ich sehe gerne Blumenwiesen in natura, aber malen muss ich so etwas nicht. Erzähle ich von meinen Bildern, werde ich mitleidig angesehen. Ich bin scheinbar eine arme Irre, die sich mit perversem Kram beschäftigen muss. „Interessant“, sagt mein Gegenüber und meint in Wirklichkeit „ du Arme, ist dein Leben so scheiße, dass du so etwas malen musst?“
Ich könnte auch erzählen, dass ich viele Bücher habe. Die Hälfte meiner ca. 2000 Bücher gehört dem Genre Sience Fiction und Phantastik an. Cyberpunk mag ich besonders. Ich könnte erzählen, dass ich William Gibson auf Twitter folge. Vielleicht sollte ich sagen, dass ich nicht so gern fernsehe und stattdessen lieber Computerspiele zur Entspannung spiele. Oder dass ich manche der Computerspiele modde. Spätestens hier wird klar, dass es meinem Gegenüber an Vokabular fehlt, zu verstehen, was ich meine. Ich muss Worte erklären, die die Worte erklären, die… .
Ich könnte auch darüber reden, dass ich blogge, dass ich den HTML-Code umstricke, dass ich an meinem PC……..
Am schlimmsten wird es, wenn ich mich hinreißen lasse, begeistert zu erzählen. Wenn ich in einen Flow gerate, wenn ich mich nicht rechtzeitig stoppe. Eigentlich war das dann doch nicht erwünscht. So viel wollte mein Gegenüber gar nicht wissen.
Passend dazu ist mein Äußeres. Es ist nicht so, wie eine Frau meines Alters sein sollte. Ich trage nicht die richtige Frisur einer "gesetzten" Frau. Ich lasse meine Haare einfach wachsen und schneide die Spitzen selber, weil ich momentan keine Lust auf den Friseur habe. Ich bin klein und ziemlich schlank.Ich finde kaum Kleidung in der Abteilung "Frau über 40". Die Größe XS oder 32/34 gibt es halt nur bei der Kleidung für die Jungen.
So gesehen gehöre ich zu einer Randgruppe. Ich bin die Giraffe, die zufällig in eine Herde Gnus geraten ist.