Können Blogger auch Journalisten sein?
"Jeder gute Journalist ist Reporter. Der Reporter ist kein Künstler, er ist kein Politiker, er ist kein Gelehrter", schrieb Egon Erwin Kisch. Reporter waren für Kisch alle, die reportierten, also berichteten. "Er hat unbefangen Zeuge zu sein und unbefangene Zeugenschaft zu liefern", forderte Kisch, der sich selbst als "Fanatiker der Tatsachen" bezeichnete. Für den großen Soziologen Max Weber braucht "eine wirklich gute journalistische Leistung ebenso viel Geist wie irgendeine Gelehrtenleistung".
Doch wer kann von sich behaupten, unbefangen zu sein? Spielen nicht immer die persönlichen Erfahrungen bei der Berichterstattung eine große Rolle? Kann man denn die eigene Person, die eigene Lebenserfahrung, die eigenen Ansichten immer ausblenden und völlig neutral schreiben? Wie kann man solch eine Neutralität erreichen und wodurch ist sie definiert?
Mein alter Geschichtslehrer sagte immer:"Sie müssen die Kommentare lesen! Das ist ganz wichtig. Nur so erschließen sich ihnen die Zusammenhänge."
Die Kommentare aber sind gerade nicht neutral. Warum also legte dieser Geschichtslehrer so großen Wert darauf? Ich glaube, er meinte, wir würden durch die unterschiedlichen Kommentare, die unterschiedlichen Betrachtungsweisen erst zum Nachdenken gebracht. Man muss unterschiedliche Argumente und Standpunkte kennen, um seinen eigenen Standpunkt zu finden. Das Definieren des eigenen Standpunktes geht aber weit über das eigentliche Berichten hinaus. Doch dann, wenn der Journalist seinen eigenen Standpunkt argumentativ darlegt und er über die eigentliche Berichterstattung hinaus geht, gibt er dem Leser einen Mehrwert. Dieser Mehrwert ist das Erkennen des eigenen Blickwinkels mithilfe der unterschiedlichen Argumente unterschiedlicher Journalisten.
Können nun Blogger Journalisten sein? Viele Blogger sind keine Journalisten im Sinne Kischs, sie gehen nicht raus und "reportieren" Geschehnisse. Aber sehr viele der Blogger sind "Kommentatoren", sie berichten aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Sie sind meines Erachtens genauso wichtig für die Meinungsbildung wie Journalisten. Hier verschwindet die Grenze zwischen den Lagern.
Die Medien werden sich wandeln, dazu gehört auch, dass sich der Journalismus ändert. Es wird immer weniger zwischen Journalisten und Bloggern getrennt werden (können). Nun ist der Leser gefragt, er wird entscheiden, in welche Richtung der Journalismus gehen wird. Ich glaube, der Journalist wird jemand sein, der unabhängig vom Medium wird; jemand mit einem persönlichen Profil, einer persönlichen Note. Der Journalist wird eine eigene Marke werden. Mir gefällt die Vorstellung.

0 comments:
Post a Comment